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Bild, Urbild & Co.: Die visuelle Anleitung, die in jeder Vorlesung fehlt

Definitionsmenge, Wertemenge, Bild, Urbild, strenges Bild – endlich verstehen statt auswendig lernen. Mit interaktiven Visualisierungen.

13 min readbilabs

Warum scheitern so viele an Bildern und Urbildern?

In der Analysis und Diskreten Mathe stolpern Studierende über Begriffe, die eigentlich simpel sind:

  • Was ist der Unterschied zwischen Wertemenge und Bildmenge?
  • Warum kann das Urbild mehrere Elemente haben?
  • Was bedeutet "strenges Bild" überhaupt?
📝

Das Kernproblem

Die meisten Vorlesungen werfen Definitionen auf die Tafel, ohne zu zeigen, was diese Begriffe bedeuten. Hier bekommst du visuelle Klarheit – mit interaktiven Diagrammen.


Die Grundlagen: Was ist eine Funktion?

Eine Funktion f:ABf: A \to B ist eine Zuordnung, die jedem Element aus AA genau ein Element aus BB zuordnet.

Beispiel: Funktion f: A → B

Jedes Element aus A wird auf genau ein Element aus B abgebildet

A (Definitionsmenge)B (Wertemenge)123abcd

Funktionen als spezielle Relationen

Eine Funktion ist eigentlich eine Relation fA×Bf \subseteq A \times B mit zwei besonderen Eigenschaften:

1. Linkstotal (total / defined everywhere)

Jedes Element der Definitionsmenge hat ein Bild.

aA:bB:(a,b)f\forall a \in A: \exists b \in B: (a,b) \in f

  • Bedeutung: Keine "Lücken" – jedes Element links hat mindestens einen Pfeil
  • Im Diagramm: Jedes Element auf der linken Seite hat einen ausgehenden Pfeil
  • Intuitiv: Die Funktion ist überall definiert

2. Rechtseindeutig (functional / well-defined)

Jedes Element der Definitionsmenge hat höchstens ein Bild.

aA,b1,b2B:(a,b1)f(a,b2)f    b1=b2\forall a \in A, b_1, b_2 \in B: (a,b_1) \in f \land (a,b_2) \in f \implies b_1 = b_2

  • Bedeutung: Keine Verzweigungen – jedes Element links hat höchstens einen Pfeil
  • Im Diagramm: Von jedem Element auf der linken Seite geht maximal ein Pfeil aus
  • Intuitiv: Die Funktion ist eindeutig bestimmt
💡

Funktion = Linkstotal + Rechtseindeutig

Linkstotal + Rechtseindeutig = Funktion

  • Linkstotal: Jedes Element links (Definitionsmenge) hat mindestens einen Pfeil
  • Rechtseindeutig: Jedes Element links hat höchstens einen Pfeil
  • Zusammen: Jedes Element links hat genau einen Pfeil → Funktion!

Beispiele: Was ist eine Funktion, was nicht?

✓ Linkstotal + Rechtseindeutig = Funktion

Jedes Element hat genau einen Pfeil → Funktion ✓

AB123abc

✗ Nicht linkstotal (Element 2 hat keinen Pfeil)

Element 2 hat keinen Pfeil → KEINE Funktion (nicht linkstotal)

AB123ab

✗ Nicht rechtseindeutig (Element 1 hat zwei Pfeile)

Element 1 hat zwei Pfeile → KEINE Funktion (nicht rechtseindeutig)

AB12abc
💡

Abgrenzung: Links vs. Rechts

Linkstotal & Rechtseindeutig beschreiben die Definitionsseite (links):

  • Linkstotal: Jedes Element links hat einen Pfeil
  • Rechtseindeutig: Jedes Element links hat höchstens einen Pfeil

Surjektiv & Injektiv beschreiben die Werteseite (rechts):

  • Surjektiv: Jedes Element rechts wird getroffen
  • Injektiv: Jedes Element rechts wird höchstens einmal getroffen

Diese Konzepte ergänzen sich – sie betrachten verschiedene Aspekte der Funktion!


Die drei Mengen im Überblick

1. Definitionsmenge (Domain) – Die Eingabemenge

Die Definitionsmenge AA (auch dom(f)\text{dom}(f) oder DfD_f) ist die Menge aller Eingabewerte, für die die Funktion definiert ist.

  • Beispiel: Bei f:{1,2,3}{a,b,c,d}f: \{1,2,3\} \to \{a,b,c,d\} ist die Definitionsmenge {1,2,3}\{1,2,3\}
  • Im Diagramm: Alle Elemente auf der linken Seite
  • Wichtig: Jedes Element der Definitionsmenge muss ein Bild haben (linkstotal)

2. Wertemenge (Codomain) – Die Zielmenge

Die Wertemenge BB ist die Menge, in die abgebildet wird. Sie gibt an, welche Werte theoretisch als Funktionswerte möglich sind.

  • Beispiel: Bei f:{1,2,3}{a,b,c,d}f: \{1,2,3\} \to \{a,b,c,d\} ist die Wertemenge {a,b,c,d}\{a,b,c,d\}
  • Im Diagramm: Alle Elemente auf der rechten Seite
  • Wichtig: Die Wertemenge kann größer sein als die Menge der tatsächlich erreichten Werte

3. Bildmenge (Image/Range) – Die erreichten Werte

Die Bildmenge f(A)f(A) (auch Im(f)\text{Im}(f)) ist die Menge der Werte, die tatsächlich als Funktionswerte auftreten.

  • Beispiel: Wenn f(1)=a,f(2)=b,f(3)=bf(1)=a, f(2)=b, f(3)=b, dann ist f(A)={a,b}f(A) = \{a,b\} (nicht {a,b,c,d}\{a,b,c,d\}!)
  • Im Diagramm: Nur die Elemente rechts, die mindestens einen Pfeil erhalten
  • Wichtig: Es gilt immer f(A)Bf(A) \subseteq B (Bildmenge ist Teilmenge der Wertemenge)
⚠️

Häufigster Fehler

Wertemenge ≠ Bildmenge!

Die Wertemenge BB ist die Zielmenge – was theoretisch erreicht werden könnte.

Die Bildmenge f(A)f(A) ist die Menge der Werte, die tatsächlich erreicht werden.

Im Beispiel oben: B={a,b,c,d}B = \{a,b,c,d\}, aber f(A)={a,b}f(A) = \{a,b\} – das Element dd wird nie getroffen!


Bild einer Teilmenge

Das Bild einer Teilmenge MAM \subseteq A ist die Menge aller Werte, auf die Elemente aus MM abgebildet werden:

f(M)={f(x)xM}={yBxM:f(x)=y}f(M) = \{f(x) \mid x \in M\} = \{y \in B \mid \exists x \in M: f(x) = y\}

Bild der Teilmenge M = {1, 3}

f({1,3}) = {a,b} — Die Menge der Werte, auf die {1,3} abgebildet wird

AB123abcd

Wichtig: Auch wenn 1a1 \to a und 3b3 \to b, ist f({1,3})={a,b}f(\{1,3\}) = \{a,b\} – es werden beide Zielelemente gesammelt!


Urbild einer Teilmenge

Das Urbild einer Teilmenge NBN \subseteq B ist die Menge aller Elemente, die auf NN abgebildet werden:

f1(N)={xAf(x)N}f^{-1}(N) = \{x \in A \mid f(x) \in N\}

Urbild der Teilmenge N = {b}

f⁻¹({b}) = {2,3} — Alle Elemente, die auf b abgebildet werden

AB123abcd
💡

Urbild kann leer oder mehrelementig sein

  • Leer: Wenn kein Element auf NN abbildet. Beispiel: f1({d})=f^{-1}(\{d\}) = \emptyset
  • Mehrelementig: Wenn mehrere Elemente dasselbe Ziel haben. Beispiel: f1({b})={2,3}f^{-1}(\{b\}) = \{2,3\}
  • f1f^{-1} ist KEINE Umkehrfunktion! Es ist nur eine Notation für das Urbild.

Strenges Bild vs. normales Bild

Das strenge Bild (oder Restriktion) einer Teilmenge betrachtet nur die Funktionswerte innerhalb der Zielmenge:

f(M)Nf(M) \cap N

Strenges Bild: f(M) ∩ N mit M={1,2}, N={a,c}

f({1,2}) = {a,b}, aber f({1,2}) ∩ {a,c} = {a}

AB123abcd

Unterschied:

  • Normales Bild: f({1,2})={a,b}f(\{1,2\}) = \{a,b\}
  • Strenges Bild mit N={a,c}N=\{a,c\}: f({1,2}){a,c}={a}f(\{1,2\}) \cap \{a,c\} = \{a\}

Das strenge Bild filtert nur die Werte, die sowohl im Bild als auch in NN liegen.


Interaktives Beispiel: Erkunde selbst!

Interaktive Funktion: Klicke auf Elemente!

Klicke auf ein Element links → sieh das Bild. Klicke rechts → sieh das Urbild!

Definitionsmenge AWertemenge Bx₁x₂x₃x₄y₁y₂y₃

💡 Klicke auf Elemente, um Bild und Urbild zu sehen

Probier es aus:

  • Klick auf x2x_2 (links): Bild ist {y2}\{y_2\}
  • Klick auf y2y_2 (rechts): Urbild ist {x2,x3}\{x_2, x_3\} – beide bilden auf y2y_2 ab!

Die wichtigsten Eigenschaften von Bild und Urbild

Rechenregeln für Bild und Urbild

1
Bild von Vereinigungen

f(M₁ ∪ M₂) = f(M₁) ∪ f(M₂). Das Bild einer Vereinigung ist die Vereinigung der Bilder.

2
Urbild von Vereinigungen

f⁻¹(N₁ ∪ N₂) = f⁻¹(N₁) ∪ f⁻¹(N₂). Gilt auch für Urbilder!

3
Urbild von Schnitten

f⁻¹(N₁ ∩ N₂) = f⁻¹(N₁) ∩ f⁻¹(N₂). Urbilder vertragen sich gut mit Schnitten.

4
Bild von Schnitten — ACHTUNG!

f(M₁ ∩ M₂) ⊆ f(M₁) ∩ f(M₂), aber nicht immer Gleichheit! Nur bei injektiven Funktionen.

Typischer Klausurfehler

FALSCH: f(M1M2)=f(M1)f(M2)f(M_1 \cap M_2) = f(M_1) \cap f(M_2)

RICHTIG: f(M1M2)f(M1)f(M2)f(M_1 \cap M_2) \subseteq f(M_1) \cap f(M_2)

Gegenbeispiel: f(x)=x2f(x) = x^2, M1={1}M_1 = \{-1\}, M2={1}M_2 = \{1\}

  • M1M2=    f(M1M2)=M_1 \cap M_2 = \emptyset \implies f(M_1 \cap M_2) = \emptyset
  • f(M1)={1}f(M_1) = \{1\}, f(M2)={1}    f(M1)f(M2)={1}f(M_2) = \{1\} \implies f(M_1) \cap f(M_2) = \{1\}

Nicht gleich! ❌


Injektiv, Surjektiv, Bijektiv – visuell

Injektiv (eineindeutig)

Verschiedene Eingaben → verschiedene Ausgaben. Keine zwei Pfeile treffen dasselbe Ziel.

x1,x2A:f(x1)=f(x2)    x1=x2\forall x_1, x_2 \in A: f(x_1) = f(x_2) \implies x_1 = x_2

Injektive Funktion

Jedes Zielelement wird maximal einmal getroffen → injektiv ✓

AB123abcd

Surjektiv (onto)

Jedes Element der Wertemenge wird getroffen. Bildmenge = Wertemenge.

yB:xA:f(x)=y\forall y \in B: \exists x \in A: f(x) = y

Surjektive Funktion

Jedes Element aus B wird mindestens einmal getroffen → surjektiv ✓

AB1234abc

Bijektiv (eineindeutig und onto)

Injektiv und surjektiv. Perfekte Paarung – jede Eingabe hat genau eine Ausgabe, jede Ausgabe genau eine Eingabe.

Bijektive Funktion

Perfekte 1:1-Zuordnung → bijektiv ✓ (injektiv + surjektiv)

AB123abc

Bijektiv = Umkehrbar

Nur bijektive Funktionen haben eine echte Umkehrfunktion f1f^{-1}!

Bei injektiven Funktionen: Urbild ist eindeutig (höchstens ein Element). Bei surjektiven Funktionen: Urbild ist nie leer (mindestens ein Element). Bei bijektiven Funktionen: Urbild ist immer genau ein Element → Umkehrfunktion existiert!


Zusammenfassung: Die wichtigsten Begriffe

Mengen einer Funktion

  • Definitionsmenge AA: Alle Eingabewerte, für die ff definiert ist
  • Wertemenge BB: Die Zielmenge, in die abgebildet wird
  • Bildmenge f(A)f(A): Die tatsächlich erreichten Werte (Teilmenge von BB)

Bild und Urbild

  • Bild f(M)f(M): Wohin werden die Elemente aus MAM \subseteq A abgebildet?

    • f(M)={f(x)xM}f(M) = \{f(x) \mid x \in M\}
    • "Was kommt raus?"
  • Urbild f1(N)f^{-1}(N): Welche Elemente bilden auf NBN \subseteq B ab?

    • f1(N)={xAf(x)N}f^{-1}(N) = \{x \in A \mid f(x) \in N\}
    • "Was geht rein?"
    • Wichtig: f1f^{-1} ist hier nur Notation, nicht die Umkehrfunktion!
  • Strenges Bild: f(M)Nf(M) \cap N – zusätzlich auf NN gefiltert

Funktionseigenschaften

Definitionsseite (links):

  • Linkstotal: Jedes Element aus AA hat ein Bild
  • Rechtseindeutig: Jedes Element aus AA hat höchstens ein Bild
  • → Funktion: Linkstotal + Rechtseindeutig

Werteseite (rechts):

  • Injektiv: Verschiedene Eingaben → verschiedene Ausgaben
  • Surjektiv: Jedes Element aus BB wird getroffen (f(A)=Bf(A) = B)
  • Bijektiv: Injektiv + Surjektiv → Umkehrfunktion existiert

Praktische Tipps für die Klausur

So löst du Bild/Urbild-Aufgaben in 3 Schritten

1
Zeichne das Diagramm

Links Definitionsmenge, rechts Wertemenge, Pfeile für die Zuordnung. Visualisierung ist der Schlüssel!

2
Markiere die fragliche Teilmenge

Bild gesucht? Markiere Quellmenge links. Urbild gesucht? Markiere Zielmenge rechts.

3
Folge den Pfeilen

Bild: Folge Pfeilen nach rechts, sammle Ziele. Urbild: Folge Pfeilen rückwärts, sammle Quellen.

Pro-Tipp

Verwechsle nie: f1(N)f^{-1}(N) (Urbild, immer definiert) mit der Umkehrfunktion f1f^{-1} (nur bei bijektiven Funktionen).

Die Notation ist verwirrend, aber: Urbild ≠ Umkehrfunktion!


Key Takeaways

  • Definitionsmenge: Alle Eingaben (AA)
  • Wertemenge: Alle möglichen Ausgaben (BB)
  • Bildmenge: Alle tatsächlich erreichten Ausgaben (f(A)Bf(A) \subseteq B)
  • Bild f(M)f(M): Wohin werden Elemente aus MM abgebildet?
  • Urbild f1(N)f^{-1}(N): Welche Elemente bilden auf NN ab?
  • Strenges Bild: f(M)Nf(M) \cap N – zusätzlich gefiltert
  • Injektiv: Verschiedene Eingaben → verschiedene Ausgaben
  • Surjektiv: Bildmenge = Wertemenge (alles wird getroffen)
  • Bijektiv: Injektiv + Surjektiv → Umkehrfunktion existiert
📝

Nächste Lesson

Äquivalenzrelationen und Partitionen – wie Relationen Mengen in disjunkte Klassen aufteilen.

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